„Warum hier haltmachen? Warum irgendwo haltmachen?“ Brinkmann, Rygulla und der 'ACID-Komplex' (ca. 1967-1970)
17.05. – 06.06.2026

Roberto Di Bella (Kurator)
ACID. Neue amerikanische Szene (1969), herausgegeben von Rolf Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla, ist Import und Katalysator zugleich: eine literarische Schlüsselpublikation der späten 1960er Jahre und Teil eines komplexen Verweissystems an Publikationen und Projekten.
Die über 400 Seiten umfassende Anthologie bündelt Stimmen der US-amerikanischen Gegenkultur: experimentelle Lyrik und Prosa treffen auf Collagen und „comixs“ sowie programmatische Essays zu Popkultur, Medienbewusstsein und Drogenästhetik. Damit werden zentrale Impulse der zweiten Beat-Generation (Charles Bukowski, Ed Sanders, Anne Waldman u.a.m.) und der sog. New York School (u.a. Frank O’Hara, Ron Padgett) erstmals in dieser Konzentration einem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht. Für viele ist ACID bis heute ein ‚Kultbuch‘.Etwa bis Mitte der 1980er Jahre erreicht das Buch eine Auflage von über 100.000 Exemplaren, insbesondere dank der Lizenzausgaben bei Zweitausendeins.
Doch ohne London als Drehkreuz der künstlerischen und literarischen Avantgarden wäre dieses Projekt kaum denkbar gewesen. Ralf-Rainer Rygulla (*1943) lernt 1960, als 16jähriger, den drei Jahre älteren Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) während der gemeinsamen Buchhändlerlehre in Essen kennen. 1963 geht Rygulla für mehrere Jahre nach London, wo er in Buchhandlungen wie Foyles sowie in den legendären Szenetreffs Better Books und Indica Bookshop in die Welt der little magazines und unabhängigen Pressen eintaucht.
Diese Eindrücke aus dem „Swinging London“ werden von Brinkmann rasch aufgegriffen, auch durch eigene Besuche, und über seine Netzwerke in Deutschland produktiv gemacht. ACID erscheint 1969 als erster Titel im neu gegründeten März Verlag von Jörg Schröder. Doch dieses Buch bildet zugleich nur einen Teil eines weit verzweigten Geflechts aus Publikationen, Zeitschriften und Initiativen—darunter auch bei Brinkmanns Kölner Hausverlag Kiepenheuer & Witsch.
Brinkmanns Kölner Wohnung in der Engelbertstraße wird so kurzzeitig selbst zu einem Knotenpunkt einer neu entstehenden vitalen Literatur- und Kunstszene. Die vom Siegener Literaturwissenschaftler und Brinkmann-Experten Roberto Di Bella kuratierten Vitrinen wollen diesen vielschichtigen Zusammenhang aus Texten, Bildern und Kollaborationen sichtbar machen. Zu sehen sind unter anderem auch Publikationen aus Brinkmanns früherem Privatbesitz – Spuren eines dichten Netzwerks, das die literarische Landschaft nachhaltig verändert hat.
Für weitere Informationen und Texte zum Thema siehe den Literaturblog von Roberto Di Bella. Linkverweis: https://www.brinkmann-wildgefleckt.de
Siehe auch sein Profil im DFG-Sonderforschungsbereich 1472 „Transformationen des Populären“ (Universität Siegen) Linkverweis: https://sfb1472.uni-siegen.de/forschung/pop/pop-literatur-und-neue-sensibilitaet-theorien-schreibweisen-experimente